Manifesto der Wilden Liga

beschlossen im Plenum der Wilden Liga Wien am 29. Juni 2017
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Wir, das Kollektiv Wilde Liga Wien, gründeten uns im Februar 2017, inspiriert durch die Bunten und Wilden Ligen in Deutschland, der Tradition des Calcio Popolare in Italien sowie einiger nonkompetitiver und solidarischer Fußballturniere wie dem Wiener Ute Bock Cup, den Mondiali Antirazzisti in der Emilia und dem No Racism Cup in Lecce.

Unserem Grundgedanken folgend wollen wir Menschen die Möglichkeit geben, außerhalb von Vereinen und ohne das strenge Reglement des ÖFB Fußball zu spielen. Das meint einen freundschaftlichen Kick ohne Leistungsdruck – und ohne Schiedsrichter*in. Damit sind die Teams und all ihre Spieler*innen verantwortlich dafür, was auf dem Platz passiert. Das klappt nur, wenn sich Motschkern, Fouls und Einflussnahme von außen in Grenzen halten und wir uns respektvoll und kompromissbereit begegnen. Übertriebener Ehrgeiz oder Rechthaberei sind da eher hinderlich, Fairness und Rücksichtnahme auf die körperliche Unversehrtheit sind oberste Gebote, um einfach ausgelassen und lustvoll Spaß am Fußball haben zu können.

Probleme mit dem gegnerischen Team sollen während des Spiels auf friedliche Art und Weise geklärt werden, das kann für manche eine echte Herausforderung darstellen! Wir stellen es uns so vor, als stünde in der Wilden Liga auf der anderen Seite des Anstoßpunktes nicht ein*e Gegner*in oder gar Feind*in, die man mit allen erlaubten und nicht erlaubten Mitteln bearbeiten muss, sondern Gleichgesinnte, mitunter Freund*innen, mit denen man mit Spaß und in Würde einen fairen freundschaftlichen Kick feiern möchte. Und zwar so, dass man sich auch danach auf ein Wiedersehen auf dem Platz im Jahr darauf – oder bei Turnieren – freuen würde. Und wenn man sich zufällig mal im Dorf Wien in einem Beisl oder an der Donau sieht, freut man sich, dass man sich aus der Liga kennt und schätzt.

Unser Fußball soll von Gleichberechtigung, Diversität und gegenseitigem Respekt geprägt sein – ungeachtet von Gender, sexueller Orientierung, Religion oder Herkunft! Wir verstehen uns als Projekt, das dazu beitragen will, die cis-Männer-Dominanz im Fußball zu brechen. Unser gemeinsames Ziel – Fußball jenseits von Gender-Barrieren – begreifen wir als Prozess, an dem wir gemeinsam arbeiten wollen. Deshalb sagen wir: ALL GENDERS WELCOME! – und werden versuchen, diesem Anspruch konsequent gerecht zu werden.

Um den Kommerz ins Abseits zu stellen, wollen wir auch gezielt den öffentlichen Raum bespielen. Reclaim Public Space!

Die Wilde Liga Wien ist selbstorganisiert und basisdemokratisch. Alle Entscheidungen werden kollektiv getroffen. Wann und wo und wie genau gespielt werden soll, entscheiden alle Teams gemeinsam.

Zur Teilnahme am Projekt sind alle Fußballteams, Initiativen, Organisationen, Netzwerke und Einzelpersonen eingeladen, die sich diesem Bunten Geist der Wilden Liga verpflichten.

Welche*r (noch) kein Team hat, aber dennoch mitmachen möchte, ist ebenfalls willkommen. Dilettant*innen aller Bezirke, vereinigt euch!

Wie wird miteinander gespielt?

Das Regelwerk der Wilden Liga Wien wird von allen Teams gemeinsam getragen und beschlossen, ist aber für die jeweilige Partie als Vorschlag zu verstehen und kann von den Teams verhandelt werden. Gespielt wird nach dem Motto: Erlaubt ist, was gefällt und der*m Anderen nicht schadet.

So ist z.B. eine einheitliche Spielbekleidung ein Kann, aber kein Muss.

Nocken- und Stoppelschuhe sind nicht erlaubt. Lieber gesehen sind Artificial Ground-Schuhe sowie Hartplatz-/Turf-, Hallen-, Lauf- und Turnschuhe! Natürlich darf auch barfuß gespielt werden. Die Schuh-Frage ist natürlich auch abhängig von den Vorgaben der*s jeweiligen Platzwärt*in. Hierbei sei gesagt: Die Fairplay-Haltung gilt auch gegenüber jeder*m Platzwärt*in.

Ebenso verhält es sich mit der Festlegung der Spielzeit (Vorschlag: 40 (2×20) Minuten) oder auch in Bezug auf die Anzahl der Feldspieler*innen (Vorschlag: 5 Feldspieler*innen + 1 Torhüter*in). Beliebig viele Spieler*innenwechsel werden fliegend vollzogen.

Die Zugehörigkeit der Spieler*innen zu ihren Teams ist nicht exklusiv (Polykicker*innen).
Spieler*innen sind nicht an ihr Team gebunden, Teams können einander fallweise aushelfen. Leihspieler*innen und Vereinsspieler*innen sollen aber nicht als Schlüsselspieler*innen (Granat*innen) eingesetzt werden.

Es gibt im Regel-Vorschlag keine Abseits-Regel. Ebenso ist die Rückpass-Regel außer Kraft, was bedeutet: Torhüter*innen dürfen bei einem Rückpass den Ball mit den Händen aufnehmen. Unabsichtliche Handspiele sollten nicht zu Elfmetern und Freistößen führen.

Ansonsten gilt, wenn zwischen den Teams nichts anderes vereinbart wurde, der Regelwerk-Vorschlag der Wilden Liga Wien. Kommt es zu einem Abweichen von technischen Anforderungen (immer gern gesehen: ein falscher Einwurf), wird ein Auge zugedrückt, solange sich das ausführende Team dadurch keinen Vorteil verschafft. Schließlich sollen auch die schlimmsten Grobmotoriker*innen die Möglichkeit haben, mitzuspielen.

Wilde Liga-Spiele werden von beiden Teams so geführt, dass kein*e Schiedsrichter*in benötigt wird. Zum Geist der Wilden Liga gehört es, dass ein offensichtlich zu Unrecht begünstigtes Team auf seinen Vorteil verzichtet und ausbleibende Entscheidungen zu Ungunsten eines Teams freiwillig zugegeben werden. Bei Uneinigkeit über einen womöglichen Regelverstoß versuchen sich beide Teams sportlich-fair zu einigen, meistens durch eine sachbezogene Diskussion. Am liebsten wird es gesehen, wenn sich die beteiligten Spieler*innen an Ort und Stelle einigen. Bleibt die Einigung weiter aus, löst sich die Szenerie am besten dadurch auf, indem der Ball zum anderen Team hinüber gespielt und die Angelegenheit in Freund*innenschaft vergessen wird.

Alle Probleme auf dem Platz müssen auch von den Teams dort ausgeräumt werden. In Streitfällen, die trotzdem nicht geklärt werden können, kann die Angelegenheit miteinander im Plenum ausgehandelt werden. Grundsätzlich gilt: Es ist die Verantwortung der Teams, ein solches Einschalten des Plenums zu vermeiden. Spiele, die auf dem Platz nicht beendet werden, gelangen mit null Punkten für beide Teams in die Wertung.

Die Teams sind angehalten, sich an den Geist der WLW zu halten. Andernfalls wird das Thema beim folgenden Plenum besprochen. In solchen Fällen hat das gegnerische Team ein Widerspruchsrecht gegen die Wertung des Spiels. Im Extremfall kann ein Team aus der wilden Liga ausgeschlossen werden. Eine solche Entscheidung würde im Plenum getroffen werden.

Es gibt außerdem keine gelben und roten Karten. Kommt es zu Ausrastern einzelner Spieler*innen, werden diese ganz schnell vom eigenen Team des Platzes verwiesen. Taktische Fouls, wie überhaupt absichtliche Fouls an sich, sind schändlich, wie auch verbale Provokationen und Beleidigungen. Spieler*innen, die sich dieser Mittel bedienen und sich selbst nach einer im Affekt begangenen Entgleisung nicht sofort entschuldigen und sofortige Besserung geloben, sollten sich schämen und schnellstens vom eigenen Team ausgetauscht werden.

Wie organisiert sich die Liga?

Es wird Tabellen geben, die in verschiedene Richtungen gelesen werden können. Sie bilden nicht nur die Anzahl der Siege des jeweiligen Teams ab, sondern bewerten insbesondere auch das Fair Play des jeweiligen Teams. Die Tatsache, dass am Ende der Saison Fair Play-Meister*innen feststehen, ist wichtiger, als die meisten Siege zu einzufahren. Am Ende jeder Saison sollen aber keine Sieger*innen gefeiert werden. Stattdessen wird es eine gemeinsame Saison-Abschlussfeier geben, die wir zusammen organisieren, bei der wir einander feiern.

Da es keinen (verbindlichen!) Spielplan gibt, werden die Spieltermine einvernehmlich zwischen den gegnerischen Teams festgelegt. Es wird alles versucht (wirklich alles!), sie einzuhalten. Es ist kein Kavaliersdelikt Spiele abzumachen und dann wieder abzusagen. Auch sollte versucht werden, allen Teams, die gegen eine*n spielen wollen, die Möglichkeit dazu zu geben. Dass die besten zwei bis drei Spieler*innen des eigenen  Teams an einem Sonntag ausfallen, ist kein hinreichender Grund von einer Spielabmachung abzusehen oder ein angesetztes Spiel wieder abzusagen. Nur persönlich überbrachte Absagen (Telefon – ja, E-Mail oder Anrufbeantworter – nein) haben Gültigkeit. Spielabsagen erfolgen rechtzeitig, damit das gegnerische Team eventuell noch eine*n Ersatzgegner*in findet und sich am extra freigehaltenen Sonntag nicht mit sich selbst beschäftigen muss. Verpennt ein Team seinen Spieltermin oder vergisst ihn abzusagen, haben sie das Spiel normalerweise mit 0:5 verloren (gleiches gilt in der Regel bei einer Absage innerhalb von 48 Stunden bis Spielbeginn), es sei denn, das gegnerische Team stimmt einer Neuansetzung zu.

Wir schaffen für jede Saison einen Wilde Liga-Kalender. Am Ende der Saison sollte jedes Team einmal mit allen anderen Teams gespielt haben. Spielergebnisse werden nach Spielende von beiden (!) Teams – bitte noch am selben Tag – an folgende Emailadresse gesendet: wildeligawien@gmx.at.

Für die ersten 3 Samstage nach Ligastart können wir einen Platz anbieten. Für weitere Spieltage wird gemeinsam eruiert, welche Plätze wir bespielen können. Deshalb nicht verzichtbar: Die Eigeninitiative aller Teams! Wenn ihr Vorschläge/Ideen hinsichtlich Spielorten habt, dann kontaktiert uns unter wildeligawien@gmx.at. Wir suchen Rasen- und Kunstrasenplätze, auf denen wir (Kleinfeld)-Fußball zelebrieren können und gleichzeitig unsere Geldbörserl schonen.

Das Wilde Liga Plenum

Jedes Team soll die Gelegenheit nutzen, die Wilde Liga mitzugestalten. Wir machen uns unsere Regeln im laufenden Projekt und gemeinsam als Kollektiv! Um den Überblick über die Wilde Liga zu behalten, treffen sich die Vertreter*innen der Teams in regelmäßigen Abständen.

Das Plenum ist das zentrale Organ zur Entscheidungsfindung und stetigen Weiterentwicklung der Strukturen und Ziele der WLW. Es arbeitet in solidarischen und moderierten Debatten.

Bei diesen Zusammenkünften werden Spielerfahrungen ausgetauscht, Spieltermine abgesprochen und organisatorische Fragen geklärt. Sind gravierende Probleme aufgetreten, versucht diese Versammlung eine Lösung zu finden. Darum sollte jedes Team mindestens eine*n Vertreter*in zu jedem Plenum schicken.

Außerdem ist der gemeinsame kulturelle Wert dieses Treffens nicht zu unterschätzen: Wer in regelmäßigen Abständen ein Erfrischungsgetränk teilt, lernt sich untereinander besser kennen und verhält sich am Ende auch auf dem Platz fairer zum Anderen.

Vorwärts, und nicht vergessen: Die Würde des Balles ist unantastbar!

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